© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Das Badische Wiegenlied wurde von Ludwig Pfau zum badisch-pfälzischen Aufstand geschrieben, nachdem in Rastatt viele Aufständische, die für eine Demokratie kämpften, standrechtlich erschossen wurden. Einigen gelang die Flucht in die Schweiz und von dort flohen sie weiter nach Frankreich und Amerika. Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Deutsche Kaiser Wilhem I. knüppelte brutal deutschlandweit die Republikanhänger nieder. Das Buch beginnt und endet mit diesem Lied. Ich hatte mich auf den Roman gefreut. Es gibt bei den Liebhabern von historischen Roman zwei Gruppen. Die einen erwarten viel historische Information, gepaart mit einer guten Geschichte. Die andere Gruppe ist nicht so sehr auf Fakten aus, bunt muss es sein, abenteuerlich, mit viel Liebe gespickt und einem krönenden Happyend, geschichtliche Daten Realität sind irrelevant. Gitta Edelmann hat sich für einen Zwitter entschieden. Ob das richtig war, wird sich zeigen. Genau das ist für mich das Problem mit diesem Buch! Von Aufmachung, Titel und Ankündigung war ich auf historische Daten gespannt, Love interessiert mich nicht die Bohne. Aber von vorn. Das Buch beginnt mit dem revolutionären Badischen Wiegenlied. Die Hauptpersonen sind Anna und Luise, wobei Luise irgendwann verschwand, was mich ärgerlich machte. Wir befinden uns am 12. September 1847 in Offenburg. Die Freundinnen helfen im Wirtshauses aus, die Stadt ist voller fremder Menschen. Friedrich Hecker, Rechtsanwalt aus Heidelberg und Verfechter der »badischen Verfassung von 1818«, verliest die 13 Offenburger Forderungen nach demokratischen Grundrechten der Republikaner, die er später der Obrigkeit übergibt. Eine absolut spannende, historische Situation der deutschen Geschichte! Anna, die Tochter eines Schneiders und Luise, die Tochter eines Arztes, schenken Bier und Wein aus, unterhalten sich über diverse Männer, über Kleidung und Stoffe. Drinnen im Saal läuft die Versammlung, Hecker spricht. Davon bekommt der Leser nichts mit, der befindet sich ja im Ausschank bei den Damen. Die Männer tragen schwarz-rot-goldne Freiheitsbänder an der Jacke und schwenken gleiche Fahnen. Mich hätte interessiert, was Hecker sagt, die Bedeutung der Farben der Fahne. Der Leser erfährt aber nur, dass die Republikaner die Republik und Freiheit fordern. Vor den 13 Forderungen erfährt man später minimal etwas. Dafür erfährt man viel über die Männerwelt der Gaststätte. Hin und wieder gibt es eine leise politische Andeutung: »Über die neuen Fabriken, die den Handwerkern die Arbeit wegnahmen, hatte auch ihr Bruder geschimpft. Im bürgerlich und landwirtschaftlich geprägten Offenburg waren Fabriken allerdings kein bedeutendes Problem, obwohl die stinkenden Abwässer der Zuckerfabrik in der Ortenberger Landstraße schon einigen Aufruhr verursacht hatten.« Gitta Edelmann sucht sich eine Frau als Hauptprotagonistin, die die Aufstände aus der Ferne beobachtet, eigentlich mit anderen Dingen gedanklich beschäftigt ist. Das ist real für die Zeit, natürlich. Aber als Leser schmeckt mir es gar nicht, nicht mitten im Geschehen dabei zu sein. Anna und Luise wird vom Hörensagen berichtet. Annas Bruder und Luises Vater gehören zu den Aufständischen, fahren hierhin und dorthin. Irgendwer berichtet, gehört zu haben, dass die Aufständischen hier oder dort zurückgeschlagen wurden und sich nun hier oder dort zusammenziehen. Die taffe Luise reist dem Vater hinterher, lernt Famile Struve kennen. Struve führt die Radikalen an. Seine Frau reist immer mit ihm mit, allerdings ist sie bei den Kämpfen nicht dabei. Struves Frau und Luise würden gern mitkämpfen, denn Freiheit bedeutet für sie auch die Gleichberechtigung der Frau. Das sehen die Männer anders. Als die Männer fliehen müssen, dürfen die Frauen den Munitionswagen hinterherfahren. Durch unwegsames matschiges Gelände schaffen sie es, den Wagen hinterherzubringen, aber die Kämpfe sind wieder gelaufen. Luise muss heimkehren und als ihr Vater verstirbt, muss sie zu Verwandten nach Bonn ziehen, verschwindet gänzlich aus dem Buch, mit ihr zusammen Amalie Struve. Annas ist unpolitisch, bekommt zwar das Randgeschehen mit, doch zieht es sie nicht wie Luise in den Kampf. Ihr Bruder ist längst geflohen, nun in Amerika angekommen. Hier hat die Autorin den Kniff verwendet, den Bruder in Frauenkleider fliehen zu lassen. Warum kann Luise nicht in Männerkleidern in den Kampf ziehen, wenn die Hauptprotagonisten schon Frauen sein müssen? Und warum verschwindet Luise? Mir wäre es lieb gewesen, stattdessen Anna verschwinden zu lassen. »›Welch unwürdige Stellung wir Frauen haben.‹ Amalie schüttelte den Kopf. ›Warum soll die Frau, die die Fähigkeit dazu besitzt, im Augenblick der Entscheidung nicht arbeiten dürfen? Warum soll die Gattin nicht teilhaben am Tun und an den Gefahren des Tuns ihres Gatten?‹« Hier kommen Redewendungen, die eventuell Zitate sind, die wenigen autentischen Sätze aus der Zeit. Was mich an den Protagonisten etwas stört, die Gleichheit. Die Arzttochter ist die beste Freundin der Schneidertochter? Das lasse ich noch durchgehen. Allerdings sprechen sie auf gleichem Bildungsniveau. Anna schreibt viele Briefe, auch ihre Mutter schreibt mit der Schwester. Ein armer Schneider konnte sicher keine Schule für die Tochter bezahlen. Gab es die Schulpflicht für Mädchen zu der Zeit? Aber sicher hatten diese nicht die Bildung, um mit adligen Männern auf gleicher Höhe zu kommunizieren, wie in diesem Fall. Und ein Adliger, würde er sich ernsthaft zwecks Heirat für eine Schneidertochter interessieren? Vieles an dem Plot war mir nicht schlüssig. Der Sprache fehlte mir die Authentizität. Worum ging es den Aufständischen und wo drückte dem Volk der Schuh? Überall fanden Volksversammlungen statt, in Berlin wurden Barrikaden gebaut, so erfährt man. »›Wir wollen ein Gesetz zur Sicherstellung der persönlichen Freiheit und der vollständigen Trennung von Kirche und Staat›, erklärte Franz. ›außerdem wird Gustav Struve in unserem Namen einen Brief an den preußischen König schicken - und darin brandmarken wir Friedrich Wilhelm als königlichen Schauspieler und Bürgertöter!‹« Spricht so ein Schneider? Was waren die Ursachen? Warum gab es im ganzen Land Aufruhr? Die Ursachen werden in diesem Buch leider nicht erörtert. Lediglich einzelne eingespielte Sätze lassen etwas erahnen, das nie ausdiskutiert wird. »›An der Bergstraße und im Odenwald haben sich die Bauern erhoben›, erzählt Josef. ›Sie wollen endlich den Zehnten abschaffen. Diese adligen Sonderrechte sind doch überholt! ‹« Gitta Edelmann spielt immer wieder Lieder und Gedichte aus dieser Zeit ein, Originalzitate, beschreibt die Kleidung und Bräuche originalgetreu, was mir gut gefallen hat. Hier kommt das Historische durch, von dem es mir insgesamt ein wenig mangelte. Der Roman ist gut zu lesen. Vielleicht habe ich persönlich mich durch das Cover, ein historisches Bild, einer Ansammlung von Männern und Frauen, bei dem die Deutschlandfahne zentral prangt, leiten lassen, mehr von dem Buch zu erwarten. Es gibt keine Antwort darauf, weshalb sich ein Volksaufstand gegen den Kaiser bildete und die Aufstände selbst werden an sich nur aufgezählt. Ich bin immer für starke Frauenfiguren. In diesem Fall hätte ich mir einen männlichen Protagonisten gewünscht, der aktiv aus dem Geschehen berichtet. Die Figur Anna ist mir zu nebensächlich, insbesondere, weil sie sich selbst keinesfalls für die Republikaner interessiert, sondern für einen attraktiven Ehemann. Ihr Bruder, ein Aufständischer, entflieht am Anfang nach Amerika. Ihre beste Freundin Luise, die sich aktiv beteiligt, wird nach Bonn verbannt und verschwindet in der Mitte des Romans. Übrig bleibt die Liebe Annas zu einem Aufständischen. Aber der ist auf der Flucht, muss sich verstecken. Es gab einige Möglichkeiten, Licht ins Historische zu bringen. Die Menschen kämpfen für ihre Freiheit und hassen die Preußen, den Kaiser, das erfahren wir am Anfang. Am Ende ist man allerdings auch nicht schlauer als zu Beginn. Mir wurde in diesem Buch zuviel von der unpolitischen Anna und ihre Suche nach einem Bräutigam berichtet. Es reicht für mich nicht aus, akribisch alle Örtlichkeiten und Daten vom Hörensagen aufzuzählen, an denen Kämpfe stattfanden, wer sie gewann und verlor. Ursachenforschung wäre für mich wesentlich wichtiger gewesen. Immerhin wird über die Farbe Rot in der Fahne aufgeklärt: »Rot - die Farbe der Liebe, der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit.« Wer ausufernde Liebesgeschichten in historischen Romanen für überflüssig hält, sollte von dem Buch die Finger lassen. Den anderen mag es gefallen. Zurück zu Liste Rezension historische Romane Zurück zu Liste alle Rezensionen
Bücher, die mir selbst gut gefallen haben Historische Romane Rezension Badisches Wiegenlied von Gitta Edelmann