© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Der erste Satz: »Drei mal neun ist Donnerstag, und der 18. Juli des Jahres 1816 war ein herrlicher Donnerstag.« Dies ist eine wahre Geschichte, zumindest das Geschehen. Die Fregatte Medusa, die vom französischen Hafen Rochefort nach Saint-Louis, Senegal aufbrach, erlitt am 2. Juli 1816 vor der Küste Mauretaniens Schiffbruch, weil sie auf eine Sandbank auflief. Franzobel hat gut recherchiert und diese Ereignisse, die in der Hauptsache auf menschliches Versagen basieren, in einen bedrückenden Roman gefasst. Mit vier weiteren Schiffen lief die Medusa aus, um nach der definitiven Absetzung Napoleons französische Soldaten (Napoleons Truppe, die der König nach Afrika beorderte, weit weg von Frankreich), Verwalter, Kolonisten und Material ins zurückerkämpfte Senegal zu transportieren. »- Charlotte! Wo bleibst du? Beeil dich! Charles Picard, Notar und Besitzer einer Baumwollpflanzung in Afrika, ein Mann mit langem, schmalem Gesicht, zwiebelschalfarbener Haut und zu früh ergrautem Haar, trug einen weißen Leinanzug samt Strohhut. Endlich ging es los. Afrika!« Fast 400 Menschen auf dem Weg nach Afrika, die aus verschiedenen Gründen die Neue Welt erobern wollen oder eben müssen, verschiedener können die Typen nicht sein und auch nicht die Gründe. Ein Zwischenstopp zum Auftanken von Wasser und Lebensmittel auf Teneriffa, alles läuft gut, danach verliert die Medusa die anderen Schiffe. Schlechte Seekarten, Unfähigkeit in der Navigation, Selbstherrlichkeit, ein zerstrittenes Offiziersteam, arrogantes, eigenwilliges Verhalten, viele Dinge führen zur Katastrophe. Der erste Offizier: »Nun war er nicht Kapitän geworden, sondern bloß erster Offizier, weil ihm der royalistisch gesinnte, ideologisch verstopfte Marineminister diesen alten Adeligen, de Chaumareys, vor die Nase gesetzt hatte, einen gepuderten Modenarren mit wattiertem Rock, pompöser Halsschleife und Gehstock, der vom Navigieren eines Schiffes so viel verstand wie ein Elefant vom Nägelschneiden. Ein Günstling.« Der Kapitän, ein narzisstischer Dilettant, umgeben von meist ebensolchen Aufschneidern, die eher ihren Posten dem blauen Geblüt verdankten, navigieren das Schiff ins Unglück, setzen es auf die Arguin- Sandbank. Schlimm genug, aber die Aktion ein Floß zu bauen, das Schiff durch warpen herauszuziehen, verläuft genauso chaotisch, die Medusa sitzt sich nun völlig fest. Das Floß soll Ladung zur Entlastung fassen, Kanonen von Bord geworfen werden, damit es freikommt. Eben weil der Kapitän nicht mitzieht, läuft das Manöver schief. Knapp 400 Mann an Bord, ein Unding, alle Personen in die sechs Beiboote zu bringen, das reicht nur für Offiziere und Herrschaften, vorweg der Kapitän, der zuerst sein Leben retten will. Dem Rest der Passagiere blieb nichts anderes übrig, als auf das Floß zu steigen. Zu wenig Platz, viel zu eng, einige Leute ziehen es vor, auf der Medusa auf Hilfe zu warten. Zunächst sollen die Rettungsboote das Floß ziehen. Doch schnell kappen sie die Leinen, wollen lieber ihr eigenes Leben retten. »Man hatte sie verlassen, ausgesetzt, verdammt. Fassungsloses Entsetzen machte sich breit. Kürbisplutzer, Hirnzuzler! Die Welt schien zu zerbröckeln. Man hatte sie verraten, feige im Stich gelassen. Jetzt standen sie zu hundertsiebenundvierzigst auf dieser durchlässigen Bretterkonstruktion mitten im Meer.«   147 Menschen auf einem Fass-Floß, das soweit absinkt, dass alle bis zu den Hüften im Wasser stehen, ein Floß, das nicht zu navigieren ist. 15 Menschen werden nach 13 Tagen überlebt haben, von einem Schiff aufgenommen werden. Der Schiffsarzt Jean-Baptiste Henri Savigny und der Geograf Alexandre Corréard werden zu ihnen gehören. Einen Hauptprotagonisten gibt es bei Franzobel nicht, nur widerliche Typen und Karikaturen, die vom auktorialen Erzähler beschrieben werden. »Antoine Richeford, ein Hochstapler, der nicht einmal das Steuermannspatent besaß, nur einmal als Passagier in Ostindien gewesen war, hatte die Führung über das Schiff genommen – und genoss es.« Franzobel hat eingehend Quellen gewälzt, ist selbst in Richtung der Wrackreste gesegelt, hat sich nautisches Vokabular angeeignet, sich mit der damaligen Seefahrt auseinandergesetzt. Eine Menge Fakten sind mit einer Unmenge an Fiktion vermischt, denn er berichtet nicht einfach von den Ereignissen, sondern geht tief in die Beschreibung der einzelnen Passagiere. Bis die Katastrophe eintritt, ist man in der Mitte vom Buch angekommen. Wir haben den unfähigen, aufgeblasenen Kapitän Hugues Duroy de Chaumarey kennengelernt, den Käsefresser mit Reizdarm, die mit bepuderten Perücken bestückte gute Gesellschaft, den zukünftigen Gouverneur samt Familie, den brutalen Schiffskoch, der den Schiffsjungen quält, brutale Methoden der Schiffsführung gegen die Mannschaft, Auspeitschungen für einen Witz, den Schiffsarzt, der alles geschehen lässt. Später wird dieser Arzt als Überlebender in Frankreich Bericht erstatten, aber von den Regierenden daran gehindert, die Ehre der französischen Grand Nation zu beschmutzen, wie sie sich ausdrücken. »Nach der Weinausgabe begannen alle, Leichenfleisch zu kauen.« Rette sich, wer kann, the Captain first … Der zukünftige Gouverneur Senegals will eine gigantische Guillotine ins Rettungsboot hieven lassen, der Pfarrer muss Gottes Wort retten, die »Bibeln« fallen herunter, entpuppen sich als Monstranzen, Speck, erotische Kupferdrucke. Das letzte Drittel des Romans ist grausam, beschreibt die Fahrt auf dem Floß. Hier zeigt sich der Mensch als Tier. 147 Menschen auf einem Floß, eindeutig zu viel. Manch einer wird schwach, andere kämpfen bestialisch um das Überleben, bis hin zu Kannibalismus. »Erst kommt das Fressen, dann die Moral«, so schrieb Berthold Brecht. Ein Teil dieser Floßmannschaft wird zuschlagen, denn je mehr Menschen an Bord sind, umso geringer ist die Chance, zu überleben … Menschliche Abgründe. Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, was bleibt im Ernstfall davon übrig? Was passiert mit den Rettungsbooten? Ihr Schicksal wird zwischendurch kurz eingeblendet. Lediglich die Boote von Kapitän Chaumareys und das des Gouverneurs erreichen das Flussdelta von Saint-Louis im Senegal. Die anderen vier Boote landeten in Mauretanien. Diese Passagiere werden von maurischen Nomaden gefangengenommen, die Geisel misshandelt, später an die Verwaltung von Saint-Louis verkauft. Von den auf dem Schiffswrack zurückgebliebenen 17 Menschen fand man auf der Medusa nach 53 Tagen nur noch drei. Einer hatte probiert, in einem Hühnerkäfig davonzurudern, ward nie wiedergesehen. Der auktoriale Erzähler outet sich aus dem Jetzt: »Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück«, und er klärt uns auf, für wen dieses Buch nicht gedacht ist: »für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis«. Der Erzähler mischt sich ein, klärt auf, doziert und belehrt hin und wieder. Er erklärt, dass der Chronometer gerade erfunden war oder dass die Menschen, die ihre Haut auf dem Floß der Sonne aussetzen, damals noch nichts über Melanome wussten. »Wie in einem asiatischen Slapstick B-Movie«, berichtet er von der Enthauptung einer Frau. An manchen Stellen hat mich der Erzähler ein wenig oberschlau genervt. Der Leser ist in der Lage, selbstständig zu denken, Herr Griebel. Und was hat dieses Schiffsunglück mit dem heutigen Flüchtlingsstrom zu tun? Es gibt Andeutungen, aus denen ich nicht schlau werde. Der auktoriale Erzähler hat es mir nicht immer leichtgemacht, hat versucht mich zu beeinflussen, hat ein wenig weit ausgeholt, für meine Begriffe. Dann wieder rückt die Geschichte in die personale Ebene der Protagonisten. Ein hin und her zwischen den Perspektiven, was für mich störend wirkt und in die Länge gezogen. Keine Frage, die Geschichte ist großartig beschrieben! Ein wenig aufgeblasen mit Adjektiven, überhaupt mit Beschreibung. Ich liebe bildhafte Schilderungen, die Atmosphäre vermitteln. Hier sind sie mir ein wenig plakativ, klingen wie die Anweisung für die Maske. Obendrauf ist jeder einzelne Mensch an Bord gleichzeitig unsympathisch, hässlich, mit irgendwelchen plakativen Äußerlichkeiten behaftet: Hasenscharte, Behinderung, Feuermal, usw., für meine Begriffe zu viel Bizarres. Skurrilität, Zynismus, Brutalität, Seite für Seite, Hyronimus Bosch lässt grüßen. Der französischen Malers Théodore Géricault hat das Unglück auf einem Gemälde festgehalten (Cover), es hängt im Pariser Louvre. Der österreichische Schriftsteller Franzobel, mit bürgerlichem Namen Franz Stefan Griebl, erhielt 1995 mit »Die Krautflut« den Ingeborg-Bachmann- Preis Zurück zu Liste Rezension historische Romane Literaturblog Sabine Ibing
Bücher, die mir selbst gut gefallen haben Historische Romane Rezension
Das Floß der Medusa von Franzobel