© Sabine Ibing, Lorib GmbH
Autorin Sabine Ibing
Der erste Satz: »Am 22. September 2008, dem Tag meines achtzigsten Geburtstags, verfasste ich gegen sieben Uhr abends den Brief, indem ich meinen Selbstmord ankündigte.« Der achtzigjährige Schriftsteller Pietro Rialdi ist lebensmüde. Seine Frau ist vor ein paar Jahren verstorben, seine Freunde haben sich drastisch dezimiert. Seit 10 Jahren hat der Genueser nichts mehr geschrieben, sein Ruhm ist verloschen. Er überlegt, wie er sich am besten umbringen kann, durchdenkt alle Methoden nach Wirksamkeit und dazu, ob er das bringen wird. Schließlich entscheidet er sich für Tabletten. Er hat alles vorbereitet, bereits zwei Tabletten intus, das Röhrchen vor sich liegend, als es klingelt. »»›Nein, er ist es gewöhnt, sein Geschäft im Garten zu machen, und füttern kann ihn Diego, kein Problem. … nicht, dass dir ein Zacken aus der Krone brechen würde, wenn du ihm ein paar Kroketten in den Napf kippen müsstest.‹ – ›Von wegen ein paar, du meinst wohl ein paar Kilo. Was frisst er da überhaupt, Menschenfleisch?‹« Pietros Tochter steht vor der Tür, sie muss mit ihrem Mann nach Paris reisen, die Schwiegermutter beerdigen. Opa, ein Wort das er hasst wie die Pest, soll für vier Tage auf den fünfzehnjährigen Enkel Diego aufpassen und auf Sid, das stinkende Riesenvieh, eine Mischung aus Bernhardiner und Neufundländer. Zähneknirschend willigt Pietro ein, vertagt den Suizid. Doch es kommt alles anders. Tochter und Schwiegersohn verunglücken bei einem Verkehrsunfall, der Enkel ist nun Waise. Pietro fühlt sich zu alt, um sich um Diego zu kümmern. Er telefoniert mit dem Bruder des Schwiegersohns, ein reicher Unternehmer. Die Brüder hatten sich lange schon nichts mehr zu sagen, keinen Kontakt, wird er sich Diego annehmen? »Ich ließ mich zurück auf das Sofa sinken, schloss die Augen und verfluchte die Mutter meines Schwiegersohnes: Hätte sie noch einen Tag mit dem Sterben gewartet, so wäre auch ich tot gewesen und hätte das alles nicht erleben müssen.« Der sagt zu und so begeben sich Opa und Enkel auf die Reise nach Rom, fahren mit der »Göttin«, Pietros altem Citroën DS Pallas Cabriolet, auf der Via Aurelia, der antiken Trasse, die Rom mit der Hafenstadt Civitavecchia verbindet, von dort aus bis nach Frankreich führt. Von Genua geht es die ligurische Küste entlang Richtung Cinqueterre, in ein Fischerdorf, in dem Pietro mit seiner Frau jeden Sommer verbrachte. Diego war als kleines Kind stets dabei. Man trifft alte Freunde. »Solange ihnen Kraft bleibt, versuchen sie auszubrechen, aber mit Schläue, sie schwimmen etwa auf Grund und schleifen die Schnur über den Fels, um sie zum Reißen zu bringen.« Bis hierhin habe ich den Roman sehr gern gelesen. Der sarkastische Alte schimpft auf alles im Leben, macht sich lustig über Gott und die Welt. Wunderschön die Passage des Fischfangs beschrieben, fein beobachtet, an anderen Stellen humorvoll philosophiert, ein Text, der einen Sog entwickelt. Es geht weiter Richtung Rom, das Duo nimmt einen Anhalter auf. Der Anhalter erkennt Pietro und nun folgt ein für mich langweiliger Dialog über das Schreiben, den Schriftsteller und seine Last mit dem Leser. »Die ganze Fahrt über unterhielten wir uns weiter. Eigentlich unterhielten sich Diego und unser Mitfahrer. … während er sich auf dieser dreistündigen Fahrt dem Tramper offenbarte, erfuhr ich mehr über Diego als in den sieben Jahren zuvor.« Das war es dann auch, was der Leser über Diego erfährt. Denn nun geht es zu einer Party, Fans von Pietro umringen ihn, es dreht sich alles um den Schriftsteller. Klappentext: »Auf dem Rücksitz thront der riesige Hund der Familie und wird Zeuge der Dialoge zwischen dem Alten und seinem Enkel.« Diesen Satz versteht man erst später. Der Hund wird Zeuge, nicht der Leser. Und genau diese Dialoge hatte ich erwartet, Enkel und Opa nähern sich. Was passiert in der Beziehung zwischen den beiden? Darüber erfährt man rein gar nichts. Diego ist ein lebloser Körper in diesem Roman, eine fast wortlose Puppe, lediglich anwesend. Sid, anfangs als stinkender Köter, beschrieben, ein Riesenbaby, ein unerzogener Hund, der nur Ärger macht, benimmt sich anständig gleich einer Queen. Schriebe man ihn heraus, würde sich rein gar nichts ändern am Plot. Der Hund hätte so viel Potenzial für Blödsinn hergegeben. Der Roman plätschert ab der Mitte vor sich hin, beschäftigt sich mit einem exzentrischen, gnatzigen Pietro, dem genialen Schriftsteller. Zum Ende kommt nochmal Fahrt auf, eine nicht zu erwartende Wendung, die allerdings an Kitsch kaum zu überbieten ist. Musste das sein? Ein Roman, der sich anfangs lustig, locker durchliest, man überfliegt fast die Zeilen. Ab der Mitte kommt leider Langeweile auf, weil der Autor vom Thema abkommt. Das angepriesene Roadmovie, die eigentlich zu erwartende Annäherung zwischen Großvater und Enkel findet nicht statt, Trauer nach dem dreifachen Tod von sehr nahen Angehörigen wird ausgeklammert. Am Ende fragte ich mich: Was wollte der Autor mir sagen? Einen alten Schriftsteller hochjubeln lassen, Leser und Fans als lästig beschreiben? Eine einfache Geschichte ohne Tiefgang, die man locker vor dem Einschlafen noch lesen kann. Für mich leider nur zur Mitte eine wirklich gute Erzählung! Zurück zu Liste Rezension zeitgenössische Literatur Literaturblog Sabine Ibing
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